Heiner Labonde

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Hilkka Vento: Verrückt vor Leben

Ein Auszug aus Kapitel 2:

...

Ich stand hilflos und frierend auf der dunklen Veranda und versuchte mich zu erinnern, wo der Ersatzschlüssel lag. Ich ging ums Haus herum

zur Veranda auf der Rückseite, guckte zu den Fenstern hinein, versuchte es an der Hintertür und klopfte auch dort. Die Dämmerung wurde zur

Dunkelheit, den Schlüssel zu finden, zur Unmöglichkeit.

Ich rief Lauri an. Er fragte wie immer, was los sei, was ich, der Ingenieur-Papa, denn jetzt verloren hätte. Ich antwortete, die Mama und die Schlüssel.

Lauri sagte, dass die Mama sicher in der Hütte sei und dass der Ersatzschlüssel bestimmt an seinem Platz unter dem Garagenfenster liege,

vom Weg aus gesehen am linken Rand, da, wo der Rhododendron stehe, und dass er es jetzt eilig habe. Eilig wie immer. Ich dankte ihm und trug

ihm auch Grüße an Mari auf.

Mari war Krankenschwester und Lauris dritte Freundin. Sie hatten sich im Internet kennengelernt. Jetzt wohnten sie in Lappland, wegen Lauris

Snow­board-Hobby. Mari jobbte als Sozialbetreuerin, wenn sich nur ein Lohnzahler fand, ansonsten putzte sie Skihütten. Beide hatten es immer eilig.

Immerhin schafften sie es manchmal zu simsen: »Essen alle, kannste ‘n bisschen geld schicken?« Ich wusste nie, wie viel »‘n bisschen« ist und wie viel »viel«.

Ich schickte zwanzig Euro und bekam eine neue SMS, dass das zu wenig sei. Schon merkwürdig, ein erwachsener Mann und lebt so ganz nach Gefühl.

Auf dem Abhang zur Garage unter dem Haus kam ich etwas ins Rutschen, der feuchte Rasen durchnässte meine dünnbesohlten Sommerschuhe.

Anfang Dezember und noch kein Schnee. Ich tastete mich an der Wand bis zum Fenster vor und fingerte den Schlüssel unter der Fensterbank hervor.

Das Haus sah immer noch wie ein fremder schwarzer Klotz aus. Einen Moment lang befürchtete ich, dass mich das Taxi an den falschen Ort gebracht hätte.

Meine vielhundertfache Erfahrung mit der Rückkehr nach Hause ließ mich aber schnell begreifen, dass ich an der richtigen Adresse herumirrte.

Ich hatte das Haus vor über zehn Jahren bei einer Zwangsversteigerung gekauft, aus der privaten Konkursmasse eines ehemaligen Unternehmenschefs.

Für wenig Geld bekam ich ein gutes Haus. Viel Platz, Seeblick und ein großes Grundstück. Für die Söhne einen Ballspielplatz, für Marja einen Garten und

für mich einen Schlupfwinkel, in dem ich ganz ich selbst sein konnte. Endlich hatte ich mal Glück gehabt. Ich war nur einfach zur richtigen Zeit am richtigen

Ort gewesen. Das passierte mir selten. Zu groß und viel zu fein, meinte Marja. Ganz okay, aber das alte Haus war besser, meinte Lauri. Ziemlich be­scheuert,

verkündete Eero. Timo sagte gar nichts. Der akzeptierte immer alles schweigend. Seinetwegen kaufte ich das Haus.

Mit klammen Fingern öffnete ich die Garagentür. Der Schlüssel wollte und wollte nicht in das winzige Schlüsselloch passen. Wieder mal war ein echter

MacGyver am Werk. Hinter der Tür hörte ich nicht Marjas verhaltenes Kichern, an meine Ohren drang auch keine scherzhafte Bemerkung zum Thema

Ingenieur und Superheld und auch keine exakte Analyse von Form und Lagetoleranz des Schlüssellochs, welche man beachten müsse, wenn man den

Schlüssel in ein Loch stecke, das doch immer an derselben Stelle sei, egal ob es hell oder dunkel sei. Marjas Analysen waren – neben anderen Gewürzen –

das Salz unserer Beziehung. Normalerweise hörte ich ihr mühelos zu, nahm sie in den Arm und sagte, wie recht du doch hast, mein Frauchen; und dann

rieben wir zärtlich die Nasen aneinander.

Ich schaltete das Licht drinnen und draußen an, blies in die Hände und roch den frischen Geruch von Autowachs. Der rote Nissan Primera hatte für die

dreihunderttausend Kilometer, die er auf dem Buckel hatte, noch einen erstaunlich schönen Glanz. Marja sorgte auch gut für ihr Auto. Es musste rot sein,

wegen der Sicherheit. Ich hingegen machte mir nichts aus Marke und Farbe meines Wagens. Ich gehörte nicht zu diesen Männern. Ich gebe aber zu, dass ich,

als mich nach der Dunkelheit Licht und Wärme der Garage umfingen, Freude empfand über den roten Primera; gleich fühlte ich mich schon mehr zu Hause.

Ich sprang die Stufen zu unserer Wohnung hinauf, zwei auf einmal, und war nach wenigen Schritten an der Brandschutztür. Als ich in den Vorraum trat,

schlug mir Dunkelheit entgegen, nur die sechs Fensterchen in der Haustür ließen einen Lichtschimmer ins Haus.

Ich ging zur Veranda und rief nach meiner Frau. Ich trug den Koffer ins Haus und ließ mich samt Mantel und nassen Schuhen auf den einladenden Sessel

in der Diele fallen. In meinem Kopf wummerte es. Als ich ihn hin und her drehte und den Nacken streckte, kam mir wieder Eeros Epilepsie in den Sinn.

Müde blieb ich im Sessel sitzen, um auf Marja zu warten. Ich weiß nicht, ob ich für einen kurzen Moment einnickte oder ob ich gerade in diesem Moment

besonders anfällig für übernatürliche Kräfte war. Ich hörte Marja flüstern: »Du wartest ganz umsonst. Zieh dir nur selbst die Schuhe aus. Ich mache das

heute nicht. Mich gibt es nicht mehr. Wir sind doch eins. Erinnerst du dich nicht? Wir sind zu ein und demselben verschmolzen. Das geschah doch an

dem Morgen deiner Abreise. Erinnerst du dich? Wir schliefen zum Abschied miteinander und wurden eins. Ich wurde du und du wurdest ich.

Das haben wir dabei doch beide gespürt.«

Als ich die Stimme zu Ende gehört hatte, analysierte ich die Situation mit der Logik des Ingenieurs, der ich war. Ich ließ die Sinnestäuschung auf sich

beruhen und ging in Marjas Küche, in ihr Reich. Ich nahm an, dass ich auf dem Küchentisch eine Botschaft von ihr finden würde: Bin in der Hütte,

komme am Abend zurück. Es gab aber keine Botschaft, ich sah nur lauter hellgrüne Zettel an den Schranktüren und fast überall sonst hängen.

Amüsiert las ich den ersten, der mir in die Augen fiel. Unter der Überschrift KÜHLSCHRANK war eine Liste mit den nummerierten Fächern und

hinter jeder Nummer standen ein Datum und ein Gericht. Es sah so aus, als hätte Marja für eine ganze Woche für uns vorgekocht. Ich schüttelte

verwundert den Kopf und fragte mich, warum.

Der Tisch war einladend gedeckt, Candlelight Dinner for one. Ich öffnete den Kühlschrank und guckte ins Fach Nummer eins: das Gericht für den

ersten Dezember. Auf dem mit einer Folie überdeckten Teller sah ich gebackene Kartoffeln, ein mit Dill dekoriertes Pfefferfilet vom Seesaibling,

Broccoli und Karottenscheiben, das Ganze umgeben von Waldpilzsauce. Ein Produkt aus Marjas Gourmet-Küche.

Den Teller in der Hand und mit wässrigem Mund blickte ich hilflos umher: Was sollte ich als Nächstes tun? Als ich einen hellgrünen Zettel mit der

Aufschrift MIKROWELLE sah, glaubte ich zu verstehen. Zum Glück hatte Marja an das Gerät auch gleich die Bedienungsanleitung geheftet.

»Folie entfernen, Teller mit der auf dem Gerät liegenden Mikrowellenhaube abdecken und in die Mikrowelle stellen, Luke schließen, Timer auf

zwei Minuten stellen. Nach dem Signalton Luke öffnen und Haube abheben. Wenn der Teller heiß ist, Ofenhandschuh überstreifen, Teller auf den

Tisch tragen. Kerzen anzünden, Streichhölzer auf dem Kaminofen. Herzlich willkommen zu Hause, guten Appetit und viel Glück zum Geburtstag!

Salat und Nachtisch stehen ganz unten im Kühlschrank. Die brauchen nicht aufgewärmt zu werden. Die Weinflasche kannst du sicher ohne Anleitung

öffnen (zum Fisch Weißwein).«

Ich musste über meine Frau lachen. Zum Glück besaß sie immer noch Sinn für Humor. Ich begriff, dass es ihr gerade damit gelungen war, das Leben trotz

allem genießbar zu machen. Ich allerdings brauchte schon manchmal ihre Anweisungen. In ein und derselben Küche war kein Platz für zwei Gourmet-Köche;

also hielt ich mich eher im Hintergrund.

Bei meinem einsamen Abendessen vermisste ich Marja ganz furchtbar, geistig wie auch körperlich. Den gemütlichen Schwatz mit ihr über alles,

was ich auf meiner Reise gehört und gesehen hatte. Nach mehreren Glas Wein steigerte sich meine Sehnsucht nach ihrer körperlichen Nähe fast ins Unerträgliche.

Ich hatte nie andere Frauen gehabt. Hatte ich nie gebraucht. Weder auf Reisen noch sonst. Obwohl viele Männer das anders sahen: immer wieder dieses Zölibat!

Die Armen hatten überhaupt keine Ahnung von der geistigen Ver­bindung zwischen Marja und mir! Und wie sollte ich das auch irgendjemandem erklären?

Ich erklärte ja auch sonst nichts. Warum dann also mein Sexual­leben? Sollten sie mich doch ruhig als Eunu­chen bezeichnen. Der »lautere« Luoto.

Auch zu Hause.

Nach dem Essen stellte ich das Geschirr nicht in das Gerät, an dessen Tür SPÜLMASCHINE stand. Diese Maschine war mir völlig fremd. Für das Ein­räumen

brauchte man das richtige Know-how. Das Wichtigste dabei war, dass man die Größe des jeweiligen Gefäßes registrierte. Und wenn einem das nicht gelang,

musste man das Geschirr immer wieder umräumen. Diese Maschine war einfach nichts für mein Gehirn. Für Marja war sie gerade richtig.

Aber wo zum Teufel war Marja?

Ich war müde von der Reise, aber in meinem Gehirn ging etwas vor sich. Normalerweise war es um diese Zeit schon in einem kompletten Ruhezustand.

Marja und die Kinder pflegten zu sagen, der Papa hat einen Kopf wie eine Maschine; wenn er weggeht, drückt er auf ON, und wenn er wiederkommt,

auf OFF. Ich gab ihnen Recht. Mein Betriebssystem war einfach und übersichtlich. Wenn ich aus der Tür auf die Veranda trat, stellte ich mein Gehirn auf ON,

guckte, was ich angezogen hatte und welche Tasche ich in der Hand trug, und wählte die entsprechende Funktion. Dafür gab es mehrere Schalter:

Arbeit, Dienstreise, Sport, Hütte.

Mit meinem geräuschlos arbeitenden Gehirn ging ich in unser Arbeitszimmer. Dort war es so still, dass ich das leise Summen eines Computers hörte.

Marjas PC lief, aber der Monitor war schwarz. Ich schaltete ihn ein, und da erschien gleich eine Nachricht von Marja: »Genieß dein Alleinsein!

Jetzt bist du dran. Morgen bei der Arbeit bekommst du von mir eine E-Mail. Dann erzähl ich dir, wo ich bin. Mach dir keine Sorgen, alles ist okay.

Geh jetzt schlafen. Das tue ich auch. Wir sind beide müde. Wirklich müde. Wir sind eins geworden und zwei Müde ergeben zusammen einen

wirklich extrem Müden. Du fühlst mich in dir, spürst meine Müdigkeit, spürst deine eigene. Schlaf gut! Geh morgen arbeiten. Dann sehen wir weiter.«

Ich spulte den Text mit der Pfeiltaste vor. Aus Versehen drückte ich sie drei­mal und alles verschwand. Stattdessen erschien auf dem Bildschirm

ein ko­balt­blauer Sternenhimmel. Einer der Sterne leuchtete heller als die anderen. Er tanzte auf mich zu und wurde zu einem Herzen,

auf dem in dunkelroter Schrift »Marja« stand.

Ich starrte auf den Bildschirm und auf das dort schwebende Herz, das immer größer wurde. Da öffnete es sich in der Mitte und aus dem Loch floss Blut.

Als alles Blut weggeflossen war, erlosch der Bildschirm und der Computer schaltete sich ab. Da schaltete es sich auch in mir ab. Ich konnte mich nur

noch ins Bett schleppen.

...