Heiner Labonde

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Ulf Person: Maledizione, der Fluch – ein Opern-Krimi

Ein Auszug aus Kapitel 4:

...

Was machte er hier? Mitten in dieser öden Gegend an einem hitzerekordverdächtigen Sommertag im Juli? Natürlich wusste er es.

In der Anzugtasche hatte er den Zettel, die Aufforderung. Und die Wegbeschreibung. Er hatte 150 Kilometer in dieser Hitze fahren müssen,

und jetzt war er hier. An einem kahlen Skihang im nördlichen Karelien. Er schwitzte, doch langsam ging der Hitzeschweiß in kalten Schweiß

über, dagegen halfen nicht einmal Taschentücher. Er hatte Angst um sein Leben.

Eigentlich sollte alles perfekt sein. Der Traum eines Opernhausdirektors. Als erste Bühne aus den ehemaligen Ostblockstaaten war seine

litauische Oper aus Vilnius zum Opernfestival nach Savonlinna in Finnland eingeladen worden, und das war sein Verdienst. Er, Opernchef

Jonas Maironis, war sich dessen durchaus bewusst. Und er war stolz darauf, sehr stolz. Das Gastspiel war eine Bestätigung, dass es sein

Verdienst als künstlerischer Leiter war, dass seine Opernkompanie im internationalen Vergleich bestehen konnte.

Auch die gestrige Erstaufführung von Lucia di Lammermoor geriet mit stehenden Ovationen und Bravorufen zum Triumph; er fühlte sich

persönlich ungeheuer glücklich und freute sich gleichzeitig auch für alle Mit­wirkenden. Besonders aber für Irena Buzaite in der Hauptrolle

der Lucia. Ihre Leistung war absolute Weltspitze, und er hatte schon be­schlossen, ihr einen Vertrag als Solistin anzubieten, wenn sie wieder

nach Hause kämen. Nach der Vorstellung gestern hatte er sie das wissen lassen. Sie hatte ihn glücklich angelächelt und ihm einen

vielversprechenden Kuss auf den Mund gedrückt. Vielleicht konnte ja der Solistenvertrag auch zu etwas Dauerhafterem führen.

Er musste bei dem Gedanken lächeln.

Danach hatte er gestrebt und nun war er am Ziel. Alles sollte also perfekt sein. Heute Abend würde man die Erstaufführung Nummer zwei mit

Verdis Nabucco präsentieren, und er müsste eigentlich zu dieser Zeit vor Ort an seinem Platz sein und mithelfen. Stattdessen war er knapp

zwei Stunden Autofahrt entfernt und schwitzte. Schwitzte und hatte Angst. Er setzte sich schwerfällig und sah auf die Uhr. Zwanzig nach eins.

Um eins sollte das Treffen sein. Er stöhnte und wünschte sich, dass alles schon vorbei wäre. Dann zündete er sich eine Zigarette an und blickte

finster über den Skihang.

Zunächst bemerkte er das Auto gar nicht, das langsam auf den Sandweg einbog und stehen blieb. Er saß mit dem Rücken zum Weg und hörte es nicht.

Das plötzliche Signal der Autohupe zerriss die Stille, und er schreckte hoch. Er sprang auf, drehte sich um und erblickte den roten Audi.

Gebannt starrte er auf das Auto. Die Fahrertür öffnete sich langsam und ein Mann stieg aus. Er war trotz der Hitze ganz in Schwarz gekleidet

und trug eine Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern. Mit gemessenen, fast katzenartigen Schritten ging er auf Jonas zu.

»Guten Tag, Herr Operndirektor«, sagte der Schwarzgekleidete auf Russisch mit einer einschmeichelnden, sanften, doch zugleich harten Stimme.

»Schönes Wetter heute, nicht wahr?« Er lächelte. »Und meine herzlichsten Gratulationen. Die gestrige Vorstellung war – wie soll ich es sagen – superb.

Der Traum eines Opernliebhabers. Ich bin zwar kein Opernliebhaber, aber ich genieße immer das ästhetisch Vollkommene. Oper, Kunst, Frauen.

Irena Buzaite zum Beispiel. Wie gesagt – ein Traum!«

»Wer sind sie?« Jonas starrte den Mann an, dem die Hitze überhaupt nichts auszumachen schien. Wer war er? Was wollte er?

»Keine Namen, werter Opernchef, keine Namen«, sagte der Mann und lächelte. Habe ich nicht geschrieben ‚ein Freund’? So ist es. Ich bin auch

der Freund eines Freundes. Sehen Sie mich also so: als einen Freund und als den Freund eines Freundes.«

»Ich verstehe nicht ...«

»Gleich, Moment. Gleich wird ihnen alles klar, und sie werden alles wie in einem Spiegel sehen.«

»Wie in einem Spiegel?«

»Ja, sie kennen doch wohl ihre Bibel? Sie werden alles so klar wie in einem Spiegel sehen und in diesem Spiegel erkennen sie sich selbst.«

»Ich versteh immer noch nicht. Worum geht es eigentlich? Ich muss mich um meine Arbeit kümmern und sollte jetzt in Savonlinna sein.

Also könnten sie bitte, wer sie auch sind, zur Sache kommen. Und warum dieses Versteckspiel; hierher fahren zu müssen?«

»Der Skihang? Betrachten sie es als eine kleine Sightseeing-Tour, es ist doch schön hier«, sagte der Schwarzgekleidete mit deutlicher Ironie.

»Finnland, das Land der tausend Seen. Können sie einen See erblicken? Nein, dachte ich mir. Verstehen sie, warum man Finnland das Land

der tausend Seen nennt, wenn man keinen sehen kann? Komisch ...«

»Wer sind sie? Was wollen Sie?« Er spürte in sich eine wachsende Ungeduld und Empörung, aber auch wie der Schrecken im Untergrund lauerte.

»Nun brauchen Sie nicht gleich ungeduldig zu werden, bleiben sie ganz ruhig.«

»Was wollen sie?«

Der Mann lächelte, steckte seine rechte Hand in die Sakkotasche und zog eine Pistole heraus. Er lächelte wieder. Steckte die linke Hand

in die Hosentasche und zog einen Schalldämpfer hervor. Schraubte diesen mit einer energischen Bewegung fest. Er lächelte zum dritten Mal.

Dann wandte er sich um.

»Sie sehen den linken Rückspiegel an ihrem Auto?«

Er zielte, drückte weich ab, und das Glas des Rückspiegels zersprang in tausend Stücke. Dann wandte er sich an Jonas.

»Sie können sagen, es war ein Steinschlag.«

»Was wollen sie?«

Er stellte die Frage nun schon zum dritten Mal, und irgendwie ahnte er, dass die Antwort ein Vorschlag sein würde, zu dem er nicht Nein sagen konnte.

»Ich denke, Herr Opernchef Jonas Maironis«, sagte der Mann mit deutlicher Schärfe in der Stimme, »dass wir jetzt für einen Augenblick von

ihrer Vergangenheit sprechen sollten. Damals vor langer Zeit, als sie noch nicht zur Kulturelite zählten. Als sie – Soldat waren. Erinnern sie sich?«

Er erinnerte sich. So hing also alles zusammen. Die Vergangenheit hatte ihn eingeholt. In seiner Naivität hatte er geglaubt, dass die Vergangenheit

gerade eben das war, etwas vor langer Zeit, etwas das vorbei war, das ver­ges­sen war. Aber so war es nicht. Der Alptraum war just hier. Und er wusste es.

»Antanas, es ist Antanas, der sie geschickt hat«, sagte Jonas heiser.

»Keine Namen, sagte ich doch«, erwiderte der Schwarzgekleidete, »es sollte wohl reichen, dass es ein Freund ist. Ein gemeinsamer Freund hat mich

geschickt. Ein Freund, der mir einmal geholfen hat und dem ich gerne helfe, und ein Freund, der ihnen geholfen hat.«

»Antanas«, stöhnte er. »Was will er?«

Aber eigentlich war die Frage überflüssig. Er wusste es ja. Nun war es also an der Zeit zu zahlen, für das Schweigen zu zahlen. Er sah die Szene

deutlich vor sich. An jenem Abend. Die drei. Der Wodka, der durch die Kehlen rann. Die unbedachte Bemerkung des anderen. Seine eigene völlig

besinnungslose Wut. Der Schlag. Das Schweigen danach. Und Antanas, der beharrlich schwieg, so still, dass Jonas fast selbst die ganze Sache

ver­gessen hatte. Und jetzt, wo sich ja alles auflöste und wandelte in eine chaotische Neuordnung, war niemand da, der sich um das Alte

kümmerte. Bis jetzt jedenfalls nicht. Aber nun war es an der Zeit zu zahlen. Aschgrau sank er zusammen und schlug die Hände vor das Gesicht.

»Ich habe kein Geld«, sagte er schluchzend.

»Wer hat denn von Geld gesprochen?«

»Was ...«

»Unser gemeinsamer Freund lässt grüßen und ist unendlich dankbar, dass der Herr Operndirektor ihm eine Chance gegeben hat. Dankbar ist er

für den Platz im Chor. Das ist wirklich nicht übel.«

»Kommen Sie zur Sache ...«

»Wie gesagt, er ist sehr dankbar und er würde nicht im Traum daran denken, von so alltäglichen und hässlichen Dingen wie Geld zu sprechen,

aber er findet doch, dass sein weiteres Schweigen eine Gefälligkeit wert ist. Einen kleineren Dienst.« Der Mann lächelte erneut.

»Was?«

»Eine Gefälligkeit kultureller Art. Eine kleine Sache fernab von ihrer beschmutzten Vergangenheit und fern von so banalen Dingen wie Geld.«

»Was?« Er spürte wie die Angst in ihm wieder hochstieg.

»Herr Maironis«, sagte der Schwarzgekleidete, »lassen Sie uns von der Liebe sprechen.« ...